Kinder- und Jugendzirkus – Sozialer Zirkus – Zirkuspädagogik
von Gisela Winkler

Während sich die Zirkusschulen in aller Welt der Ausbildung von jungen Leuten zu professionellen Artisten widmen und Kurse und Workshops für Kinder und Erwachsene zu deren Freizeitgestaltung nur eine Ergänzung der Angebote darstellen, ist es bei den Kinder- und Jugendzirkussen, die man auch als Freizeitzirkusse bezeichnen kann, genau umgekehrt. Hier steht die Vorbereitung auf einen Artistenberuf keineswegs im Vordergrund, ist aber durchaus möglich. Artistik, Zirkusmachen geschieht hier vor allem einfach zur Freude, aus Vergnügen an der körperlich-künstlerischen Betätigung, die mit Auftritten vor Publikum auch Erfolgserlebnisse und Selbstbestätigung ermöglicht. Zirkuspädagogen leiten die jungen Artisten an und verbinden dabei die kreativ-künstlerische Betätigung mit der Förderung sozialer und personaler Kompetenzen.

© CABUWAZI

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Robert Sugarman stellte 2001 in seinem Buch „Circus for Everyone“ fest: „Das Erlernen von Zirkuskünsten hat die allgemeinen Bildungssysteme, Freizeitaktivitäten und Sozialprogramme für benachteiligte Jugendliche ebenso erfasst wie die Zirkusse selbst. […] Zirkus-Lernen setzt die lustvolle Erfahrung fort, die ein Kind beim Laufenlernen macht. Es verschafft gezielt physische Aktivität; es ist ein Mann¬schaftssport ohne Wettbewerb. Statt einander zu bekämpfen, steigert man seine Fähigkeiten so weit als möglich sowohl allein wie in der Gruppe. Jeder Fortschritt wird zum Ausgangspunkt für weitere Fortschritte. […] Der einzige Wettbewerb besteht im Talent des Einzelnen, die Grenzen von Zeit und Raum auszuweiten. Mit dem Zirkustraining lernen erdgebundene Menschen zu fliegen und die Zeit anzuhalten. Objekte können – wenn sie geschickt gehandhabt werden – die Schwerkraft überwinden. Wie Tänzer zeigen Zirkusartisten die Fähigkeit des Menschen, die Möglichkeiten des Körpers auszuweiten, so wie Tierlehrer die Fähigkeiten tierlichen Verhaltens erweitern. Zirkus-Lernen kann ein begründetes Selbstvertrauen bei denjenigen schaffen, die mit dem akademischen Lernen Probleme haben […] Zirkus-Lernen ermöglicht jenen, die in die soziale Rolle von Außenseitern geraten sind, Wege in die Gemeinschaft und die Gleichberechtigung zu finden. Das gilt nicht nur für Kinder. […] Zirkus-Lernen ist mühevoll. Es erfordert Zielstrebigkeit, Anstrengungen und das Überwinden von Versagensängsten. Es lehrt gute Arbeitsgewohnheiten. In einer Welt, in der die Medien die jungen Leute in die Passivität drängen und Computer sie dazu bringen, sich in virtuellen Welten aufzuhalten, vermittelt das Zirkustraining ihnen eine authentische Welt, in der das Individuum seine Aktionen bestimmt. Vielleicht ist das der Grund für die neue Popularität der Zirkusarbeit.“

Ein Vorläufer der Kinderzirkusbewegung war die Boys Town in Omaha, eine von Pater Flanagan 1917 gegründete Waiseneinrichtung, die von den Jugendlichen selbst verwaltet wurde. Ein Bestandteil dieser Einrichtung war ein Jugendzirkus, mit dem der Pater seine sozialen und pädagogischen Ziele verwirklichte. An diese Erfahrung knüpfte vierzig Jahre später Pater Silva in Spanien an, als er die Jungenrepublik Benposta schuf und 1964 den Circus Los Muchachos gründete. Der Zirkus war bei beiden sowohl ein pädagogisches Projekt wie ein Mittel zur Finanzierung der Einrichtung. Auch beim Circus Elleboog, 1949 in Amsterdam aufgebaut, um die Nachkriegskinder von der Straße zu holen und mit dem Einüben artistischer Künste ihnen ein Ziel und eine sinnvolle Beschäftigung zu geben, stand der soziale Gedanke im Vordergrund.

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Der Zirkus erweist sich als ideales Medium, attraktiv für alle Kinder zu sein und ihren natürlichen Bewegungsdrang und die Freude am Risiko durch diszipliniertes Spiel zu befriedigen. Obwohl in der Artistik höchste Kunstfertigkeit möglich ist, bietet sie mit ihrer Vielseitigkeit beste Zugangsvoraussetzungen für alle. Interesse und Trainingsfleiß vorausgesetzt, ist Erfolg hier programmierbar. Zirkus ist in höchstem Maße interkulturell und auch bei internationalen Begegnungen finden die Teilnehmenden trotz Sprachbarrieren schnell eine gemeinsame, die „Zirkussprache“. Unterschiedliche Nationalitäten, Kulturen, Religionen spielen – wie beim professionellen Zirkus – keinerlei Rolle. Und im Unterschied zum Sport steht auch nicht die Leistung im Vordergrund sondern der Spaß am Mitmachen.
Wie im „richtigen“ Zirkus ist es eine Kunst, die Kinder aller Altersklassen und sozialen Schichten fasziniert und begeistert. Kinderzirkus ist in höchstem Grade integrativ und multikulturell: Weder Herkunft noch Nationalität noch intellektuelle Leistungen oder Behinderungen spielen eine Rolle. Auch besondere sportliche Fähigkeiten sind nicht erforderlich, denn im breiten Spektrum der zirzensischen Künste findet jeder etwas, das ihm Spaß macht, das er erlernen und dem staunenden Publikum präsentieren kann. Es ist ein niedrigschwelliges Angebot, das auch Kinder erreicht, die anderen Aktivitäten eher zurückhaltend begegnen. Und es ermöglicht eine vielfältige künstlerische Kreativität: in der Gestaltung der Darbietungen, im „Erfinden“ einer Geschichte, die mit artistischen Mitteln erzählt wird, in der Verbindung von Akrobatik, Musik, Ausstattung und Theaterelementen, der Einbeziehung sportlicher und jugendgemäßer Elemente, von Tanz und Folklore. Die artistischen Bewegungsaktivitäten steigern das körperliche Leistungsvermögen und die Motorik. Sie fördern Selbstdisziplin und Ausdauer, Verantwortungsbewusstsein und selbstbestimmtes Handeln. Zirkusmachen befriedigt das Abenteuerbedürfnis, die Suche nach Anerkennung. Zirkusarbeit beruht auf enger Kommunikation und Teamwork. Soziale Kompetenzen wie Fairness, Rücksichtnahme, Verlässlichkeit sind Voraussetzungen für die artistische Arbeit.

In den letzten Jahren hat sich aus diesem Grund der Begriff Sozialer Zirkus durchgesetzt, der diesen Aspekt der Zirkusarbeit mit Kindern und Jugendlichen hervorhebt, aber auch darauf abzielt, dass damit Kinder aus weniger begünstigten Bevölkerungsschichten erreicht werden. Es gibt zahlreiche Beispiele für Zirkus mit sogenannten Straßenkindern, die in dem Zirkus sowohl eine Heimstatt finden wie eine Perspektive für ihre persönliche und berufliche Entwicklung sehen. Der soziale Aspekt der Zirkusarbeit mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen steht im Mittelpunkt der Arbeit des Vereins „Zirkus macht stark“ und ist dessen Verbandsgrundsatz. Dieser bundesweit tätige Verein nutzt Mittel des Förderprogramms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung für Zirkusprojekte vielfältiger Art in regionalen Bündnissen von Jugendkultur- und Bildungseinrichtungen für Heranwachsende, die sonst aus verschiedensten Gründen wenig Chancen für den Zugang zur kulturellen Bildung haben.

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Kinder- und Jugendzirkus gibt es in verschiedenen Formen: als Schulzirkus oder schulische Arbeitsgemeinschaft, in der Trägerschaft von Vereinen, Jugendkunstschulen, kirchlichen oder sozialen Einrichtungen. Mitmachzirkusse bieten Kindern für eine begrenzte Zeit die Möglichkeit des Zirkusspielens. Einige Zirkusse unternehmen Tourneen, andere konzentrieren ihre Angebote auf die Ferien und richten Camps ein. Es gibt langjährige Zirkusse mit eigenen Zelten und Wagen und Betreuern und Trainern, die manchmal selbst in „ihrem“ Zirkus angefangen haben und nun ihr Können an die Jüngeren weitergeben. Es gibt große Einrichtungen wie den Kinder- und Jugendzirkus CABUWAZI, in dessen Zelten an fünf unterschiedlichen Plätzen in Berlin an die tausend Kinder regelmäßig mehr als dreißig verschiedene artistische Disziplinen trainieren und jedes Jahr mit etwa zehn Inszenierungen herauskommen. Aber es gibt auch die kleinen Gruppen mit wenigen Kindern und vielleicht nur einem Betreuer, die mit der gleichen Begeisterung üben.

Ebenso bestehen im künstlerischen Stil und der Art des Herangehens an die Zirkusarbeit erhebliche Unterschiede. Während Zirkusse wie beispielsweise Mignon in Hamburg und Upsala in St. Petersburg sich am Neuen Zirkus orientieren und eine spielerische Beschäftigung mit der Artistik im Vordergrund steht, sehen andere Zirkusse ihr Vorbild im klassischen, traditionellen Zirkus. Das ist vorzugsweise bei russischen Kinderzirkussen der Fall. Es gibt eine große Spannbreite vom leistungsorientierten Zirkus bis zu Gruppen, die Zirkusspielen vorrangig unter sozialpädagogischen Aspekten betrachten.
Viel verbreitet sind auch die Kooperationsprojekte zwischen Zirkussen und Schulen oder Kitas in Form von Projektwochen oder -tagen. In Ferienprojekten und Workshops können Kinder Zirkusluft schnuppern und sich mit der Artistik vertraut machen. Bei internationalen Festivals werden Freundschaften zwischen den Zirkusgruppen aus ganz unterschiedlichen Ländern geknüpft. Solche Jugendbegegnungen sind aber auch ein wichtiger Schritt, um sich mit Erscheinungen von Ausländerfeindlichkeit auseinanderzusetzen.

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Einige Zirkusse stellen durchaus Zwischenformen von Freizeitzirkus und Zirkusschule dar. Das ist beispielsweise oft in Entwicklungsländern der Fall, wo keine professionellen Zirkusschulen existieren und junge Leute in einem solchen Zirkus die Chance sehen, sich zu Artisten zu entwickeln. Obwohl sie als soziale Projekte angelegt sind, können hier die beruflichen und kommerziellen Aspekte eine sehr große Rolle spielen.

Es ist schwer einzuschätzen, wie viele Kinder- und Jugendzirkusse es geben mag. Sie sind durch ihre so unterschiedliche Anbindung schwer zu erfassen und in dieser Hinsicht mit den professionellen Unternehmen zu vergleichen, von denen auch kein Mensch sagen kann, wie viele sowohl im nationalen wie im internationalen Maßstab existieren. Insgesamt kann man von weit über tausend solcher Freizeitzirkusse ausgehen. Bei ihnen bestehen bereits recht gute nationale und internationale Vernetzungen. In Deutschland sind das auf Länderebene Landesarbeitsgemeinschaften (LAG) und auf Bundesebene die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Zirkuspädagogik sowie „Zirkus macht stark“ auf dem Gebiet des Sozialen Zirkus. Ähnliche Vereinigungen existieren auch in anderen europäischen Ländern und in den USA (American Youth Circus Organization). Auf internationaler Ebene gibt es die European Youth Circus Organisation (EYCO), die 2009 entstanden ist und eine Dachorganisation der nationalen Vereinigungen darstellt. Als eine ihrer wichtigsten Aufgaben betrachtet die EYCO die Förderung des internationalen Jugendaustauschs in Form des Europäischen Freiwilligendienstes.

Selbstverständlich bestehen zwischen den Freizeitzirkussen und den professionellen Zirkusschulen, die in Europa in der Fédération européenne de écoles de cirque (FEDEC) eine Vereinigung haben, Verbindungen. Diese können so aussehen, dass an einer Zirkusschule auch Kurse für Amateure angeboten werden. Eine große Rolle spielen die Kinder- und Jugendzirkusse aber vor allem als Reservoire und Vorbereitung für die professionellen Schulen. Viele dieser Schulen, vor allem die mit Hochschulcharakter, erwarten als Zugangsvoraussetzung bereits artistische Fähigkeiten, die in der Regel in Kinder- und Jugendzirkussen erworben wurden.

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Es gibt jedoch auch Verbindungen zwischen den Kinder- und Jugendzirkussen und den professionellen Zirkussen. Die eine Form ist die Arbeit von Familienzirkussen als sogenannte Projektzirkusse, die mit Schulen Projektwochen veranstalten und so den Schülern die Möglichkeit geben, sich als kleine Artisten zu betätigen. Eine andere Form sind Partnerschaften zwischen Kinderzirkussen und Zirkussen, die mit verschiedenen Mitteln deren Arbeit unterstützen. Herausragend ist dabei der Cirque du Soleil, der den Sozialen Zirkus für benachteiligte Jugendliche als eine seiner Aufgaben ansieht. Er hat dafür in erster Linie das Programm Cirque du Monde entwickelt, das seit 1995 in über 80 Einrichtungen in aller Welt in Partnerschaft mit anderen sozialen Organisationen wirkt und Jugendlichen die Chance geben will, durch das Training von artistischen Fähigkeiten ihre persönlichen Stärken zu erkennen und zu entwickeln.

Sowohl die professionellen Zirkusschulen wie die Kinder- und Jugendzirkusse haben eine große Bedeutung für die Weiterentwicklung der Zirkuskunst. Hier wächst der Nachwuchs heran, der die Zukunft der Artistik bestimmen wird.
Leider gibt es in Deutschland – im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern oder der École Nationale de Cirque in Montreal – keine artistische Ausbildung mit Hochschulabschluss. An der Staatlichen Artistenschule in Berlin kann mittlerweile im schulischen Bereich das Abitur abgelegt werden, die Berliner ETAGE als Schule für die Darstellenden und Bildenden Künste e. V. nimmt dagegen nur Jugendliche mit abgeschlossener Schulausbildung auf. Für die Ausbildung professioneller Artisten existieren daneben verschiedene Clownschulen und kleinere private Anbieter, Kurse für Zirkuspädagogen finden an verschiedenen Einrichtungen wie am JoJo Zentrum für Artistik und Theater und als einjährige Vollzeitausbildung an der Circus Akademie in Berlin statt.

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Ein Problem auch für die Kinder- und Jugendzirkusse ist die mangelnde Anerkennung des Zirkus als Kunstform. Das äußert sich u. a. in einer nur zögerlichen Unterstützung dieser Projekte mit öffentlichen Mitteln – im Gegensatz etwa zu Jugendkunstschulen, Jugendtheatern u. ä. Während Musik und Darstellendes Spiel Eingang in die Curricula der Schulen gefunden haben, gibt es bisher nur bescheidene Ansätze, etwa den Sportunterricht mit artistischen Übungen aufzulockern. Infolge mangelnder finanzieller Unterstützung war es bisher auch noch nicht möglich, ein bundesweites Zirkus-Jugendensemble zu schaffen oder größere Festivals zu veranstalten, die über den Rahmen eines einzelnen Zirkus als Veranstalter hinausgehen. Eine Förderung der Zirkusszene – analog zu anderen Kunstformen – würde auch der Entwicklung des Kinder- und Jugendzirkus helfen und dem Austausch und der Vernetzung beispielsweise durch die Veranstaltung nationaler und internationaler Jugendzirkusfestivals

Gisela Winkler, Circusarchiv Winkler, Fachpublizistin www.circusarchiv.de