Der Neue Zirkus (Nouveau Cirque) entwickelte sich in erster Linie in Frankreich und ist zu gleichen Teilen auf eine kulturpolitische Intervention des französischen Staates und ein verändertes Kunstverständnis in den späten 1960er Jahre zurückzuführen. Ähnlich wie die Wiederbelebung der Varietékultur ist auch die Entstehung des Neuen Zirkus ein Ergebnis der gesellschaftlichen Veränderungen der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. Im Zuge dieser gesellschaftlichen Umbrüche verloren die klassischen  Kulturinstitutionen an  Bedeutung.  Man suchte mit   der Öffnung des

Kulturbegriffs nach neuen Ausdrucksformen in den Künsten und vor allem die französische Theaterszene entdeckte die Schriften von Antonin Artaud und sein Konzept des Theater der Grausamkeit wieder. Artaud bricht in seinen Schriften mit der aristotelischen Tradition des Illusionstheaters und fordert die Überwindung des Unterschieds zwischen Spiel und Wirklichkeit. In Anlehnung an die außereuropäischen Theatertraditionen fordert Antonin Artaud die „Unterwerfung des Theaters unter den Text zu durchbrechen“ und das Publikum aus dem Zustand der passiven, niederen Sinnlichkeit zu befreien. Ähnlich der Konzepte des Freien Theaters wendete man sich auch in der Bildenden Kunst der 1960er Jahre dem Publikum und der Empfindung zu. In den neuen Strömungen wie den Happenings oder dem Wiener Aktionismus tritt das Werk im klassischen Sinn in den Hintergrund und der Körper, die Rezeption und der Prozess rücken in den Vordergrund. Zeitgleich findet mit der Entstehung der Minimal Music in der Musik eine ähnliche Entwicklung statt.

Historisch sind diese Veränderungen des Theaters und der Bildenden Kunst eine Weiterentwicklung der avantgardistischen Konzepte der Futuristen und Dadaisten vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Bereits dort erkannte man eine Hinwendung der Kunst zum öffentlichen Raum und die Ablehnung eingeübter Rezeptionsmuster. Die Dadaisten und Futuristen inszenierten ihre kulturkritische Programmatik als Aktionskunst oder als Antikunst. Einigen Dadaisten und Futuristen, wie Hugo Ball und Filippo Tommaso Marinetti, diente das Varieté als Vorbild. Varieté und Zirkus, so die Autoren, binden das Publikum in den künstlerischen Prozess ein und sprechen es auf einer emotionalen Ebene an.

„Das Varieté zerstört das Feierliche, das Heilige, das Ernste und das Erhabene in der Kunst. Es hilft bei der futuristischen Vernichtung der unsterblichen Meisterwerke mit, weil es sie plagiiert, parodiert, auf zwanglose Art präsentiert, ohne Apparat und ohne Zerknirschtheit, wie ein x-beliebige Attraktion. [...] Man muss die Überraschung und die Notwendigkeit zu handeln unter die Zuschauer des Parketts, der Logen und der Galerie tragen.“ (Marinetti, Filippo Tommaso: Das Varieté (1913). In: Brauneck, Manfred: Theater im 20. Jahrhundert, Hamburg, 2009, S. 320ff)

Dieser Rückgriff von Antonin Artaud sowie die Weiterentwicklung dadaistischer und futuristischer Konzepte in den sechziger Jahren weckten großes Interesse an nonverbalen, körperlichen Ausdrucksformen. Dass der Neue Zirkus auf diesem Nährboden vor allem in Frankreich entstand ist, wie erwähnt, auf eine kulturpolitische Intervention der französischen Regierung zurückzuführen.

Parallel zu der gesellschaftlichen Entwicklung war mit dem Höhepunkt der Ölkrise im Herbst 1973 in Frankreich der Höhepunkt der Krise des Traditionellen Zirkus erreicht. Geschwächt durch den allgemeinen Besucherrückgang führten schließlich die stark ansteigenden Ölpreise zu einer vermehrten Aufgabe von Zirkusunternehmen. Die deutlich gestiegenen Transportkosten zwangen selbst die großen, traditionsreichen Unternehmen, wie den Cirque Medrano und den Cirque Jean-Richard, in die Insolvenz. Im Jahr 1977 richtete sich Alexis Gruss Junior, einer der bedeutendsten Zirkusunternehmer Frankreichs, hilfesuchend an die französische Regierung. Ein Jahr später setzte Präsident Valérie Giscard d’Estaing daraufhin eine interministerielle Kommission zur Rettung der französischen Zirkuskultur ein. Dieser staatliche „Zirkus-Think-Tank“, unter Mitarbeit des Wirtschafts-, Bildungs-, Kultur- und Landwirtschaftsministeriums, gab eine Reihe von Studien in Auftrag, deren Ergebnisse eindeutig ausfielen: Für das Überleben des Zirkus ist eine umfassende Modernisierung unumgänglich.

Die Kommission übertrug die Zuständigkeit für den Zirkus symbolträchtig vom Landwirtschaftsministerium auf das Kulturministerium und richtete einen Fonds mit dem Titel Association pour la modernisation du Cirque ein. Im Jahr 1981 wechselte die Regierung und der neue, sozialistische Präsident Françoise Mitterand verdoppelte den Kulturhaushalt. Als neuer Minister für Kultur war Jack Lang für den Zirkus zuständig, und dieser erarbeitete einen Drei-Punkte-Plan:

  1. Gründung eines Nationalzirkus: Um dem Zirkus wieder zu gesellschaftlicher Aufmerksamkeit zu verhelfen, ernennt die Regierung einen offiziellen Nationalzirkus. Im ersten Jahr wird dazu der Traditionelle Zirkus Alexis Gruss’s Cirque á l’Ancienne ernannt.
  2. Investitionen in eine moderne Ausbildung: Nicht nur die praktische Vermittlung artistischer Techniken, auch die theoretische Konzeption eines modernen Zirkus standen im Mittelpunkt dieser Bemühungen, die schließlich in der Gründung des Centre National des Arts du Cirque und weiteren staatlichen Zirkusschulen mündeten.
  3. Finanzielle Förderung von Zirkusunternehmen: Wie andere Künste erhielten Traditionelle Zirkusunternehmen und Kompanien des Neuen Zirkus ab diesem Zeitpunkt staatliche Zuschüsse.

Diese kulturpolitische Intervention des französischen Staates war außerordentlich erfolgreich. In den folgenden Jahren entstanden in Frankreich ganz unterschiedliche Ansätze einer neuen Ausformung des Zirkus, deren Gesamtheit heute unter dem Begriff Neuer Zirkus (Nouveau Cirque) zusammengefasst wird. Es können unter anderem folgende Richtungen unterschieden werden:

  • Der neoklassische oder nostalgische Zirkus: Mitte der 1970er Jahre gründen sich Betriebe, wie der deutsche Circus Roncalli, die einen alten, romantischen Zirkus wiederaufleben lassen.
  • Der literarische Zirkus: Kompanien wie der Cirque Baroque oder auch Archaos inszenieren literarische Vorlagen oder produzieren selbst handlungslogische Stücke.
  • Der dekonstruktivistische Zirkus: Kompanien wie Les Arts Sauts entwickeln abendfüllende Programme, die nur auf einer Zirkustechnik, beispielsweise der Trapezakrobatik oder Jonglage etc., aufbauen. Sie zerlegen damit den klassischen Genremix im Zirkus.
  • Der choreographische Zirkus: Stücke wie Le Cri du caméléon, eine Abschlussinszenierung von Schülern des Centre National des Arts du Cirque aus dem Jahr 1995, sind als choreographische Einheiten inszeniert und markieren eine Öffnung zum Tanz.

Obwohl der Neue Zirkus ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Strömungen ist, können folgende verbindende Merkmale herausgearbeitet werden: In einem überwiegenden Teil der Produktionen verschwinden die Tiere aus demProgramm; die Manege und das Zirkuszelt verlieren an Bedeutung und sind nur noch einer von vielen möglichen Aufführungsorten; eine einheitliche Ästhetik wird zugunsten vielfältiger Darstellungsformen aufgegeben. Als letztes verbindendes Element lässt sich der Bedeutungsverlust der (Zirkus)Nummer zugunsten alternativer dramaturgischer Konzeptionen herausstellen.