Der Deutsche Kulturrat, Spitzenverband der Bundeskulturverbände widmet in seiner Zeitung Politik & Kultur einen Schwerpunk dem Thema Artistik. Verena vom Netzwerk Zirkus schreibt darin den Einleitungsartikel über die Zirkuslandschaft in Deutschland.

Artistik zwischen Kunst und Unterhaltung

Zur Stellung des Zirkus und des Artistenberufs in der Kultur- und Kunstlandschaft

Das Bild des Zirkus in der Gesellschaft ist geprägt von Assoziationen, wie Tierdressuren, Clownerie und waghalsigen artistischen Darbietungen. Schaut man sich die Definition von Zirkus in verschiedenen Lexika an, so bestätigen diese die weit verbreitete Vorstellung eines klassischen Zirkusunternehmens. Doch hat dieses Bild heute tatsächlich noch Bestand?

Bei genauerem Hinsehen lässt sich schnell feststellen, dass hinter dem Begriff Zirkus noch weitaus mehr steckt. Nicht nur der klassische, traditionelle Zirkus ist Bestandteil der Zirkuslandschaft in Deutschland, sondern auch andere Formen der Artistik und Akrobatik. So gibt es in den meisten größeren Städten ein Varieté-Theater oder saisonabhängig auch Dinnershows und andere Showproduktionen, die Arbeitsplätze für Artisten sind. Nicht nur für deutsche, sondern auch für Artisten aus der ganzen Welt ist besonders die Varietélandschaft hierzulande ein beliebter und umkämpfter Arbeitsplatz.

Obwohl der traditionelle Zirkus und das Varieté sich in ihren Programmen voneinander unterscheiden, haben sie doch eines gemeinsam: Sie alle sind nicht öffentlich subventionierte Unternehmen und damit ökonomisch abhängig von der Begeisterung und Unterhaltung ihres Publikums.

Davon ausgehend ist auch die Arbeitswelt eines Artisten nicht nur geprägt von der absoluten Körperbeherrschung und seinem artistischen Können, sondern auch von der Herausforderung, die eigene Darbietung »marktfähig« zu gestalten. Nur wer die Unterhaltung des Publikums verspricht und somit auch den Ansprüchen der Varietéunternehmen gerecht wird, kann auf dem internationalen Markt Fuß fassen. Immer wieder muss das »artistische Produkt« den Wünschen und individuellen Vorstellungen eines Regisseurs, Theaters oder Auftraggebers angepasst werden. Auch genügt es nur selten, sich auf ein Genre zu beschränken, vielmehr müssen Artisten vielseitig und flexibel einsetzbar sein. Dabei steht die eigene künstlerische Vorstellung nicht immer im Vordergrund.

Eine große Faszination des Berufes macht jedoch genau diese Vielseitigkeit und die wechselnden Bedingungen aus. Die immer neuen Herausforderungen verlangen dem Artisten fortwährend eine Entwicklung ab, die Kreativität und auch künstlerisches Talent erfordert. Denn dabei das Eigene, Unverwechselbare auf der Bühne nicht zu verlieren, ist vielleicht die größte Herausforderung.

Obwohl ein Artist mit regelmäßigem Engagement auf dem Varietémarkt meiner Erfahrung nach nicht am Existenzminimum lebt, sind auch Artisten mit der schwierigen Situation der vergleichsweise kurzen beruflichen Laufbahn konfrontiert. Ähnlich wie bei Tänzern stellt sich bei ihnen die Frage, wie der Übergang der aktiven Bühnenkarriere in einen nächsten Beruf aussehen kann. Mit dem Risiko, dass der Körper auf einmal nicht mehr mitspielt müssen Artisten auch während ihrer Bühnenlaufbahn rechnen. Aber früher oder später ist jeder Artist, der ausschließlich mit akrobatischen Darbietungen auf der Bühne steht, mit der Endlichkeit seiner Arbeit konfrontiert. Der Neuanfang gestaltet sich nicht nur in finanzieller Hinsicht oft schwierig. Eine aktive und frühzeitige Auseinandersetzung mit diesem Thema ist, besonders zu einem Zeitpunkt an dem es vielleicht noch nicht notwendig erscheint, erforderlich. Eine institutionelle Orientierungshilfe für diese Phase des Übergangs existiert praktisch nicht.

Die ausschließliche Betrachtung der Artisten, die im Bereich der Varietés arbeiten, wäre allerdings etwas zu kurz gegriffen. Neben dem Varieté, verschiedenen Showproduktionen und dem traditionellen Zirkus gibt es seit einigen Jahren in Deutschland eine stärker werdende Bewegung des zeitgenössischen, neuen Zirkus. Diese widmet sich intensiv dem künstlerischen Ausdruck der Artistik abseits der klassischen Zirkusdramaturgie und engagiert sich für eine höhere gesellschaftliche und (kultur-)politische Anerkennung des Zirkus. Der Verein »Initiative neuer Zirkus« setzt sich dabei für eine Strategieentwicklung zur Schaffung zirkusgerechter Strukturen in der deutschen Kulturlandschaft ein.

Die Frage, ob Zirkus in Deutschland als Kunstform anerkannt ist, wird in

diesem Zusammenhang viel diskutiert. Denn obwohl Artisten Mitglied in der Künstlersozialversicherung werden können und damit sozialrechtlich den selben Status wie andere freiberufliche Künstler haben, erhält der Zirkus nur in sehr bescheidenden Maße öffentliche Kulturfördermittel.

Der neue Zirkus argumentiert in diesem Zusammenhang mit dem Eigenwert des Zirkus in Abgrenzung zu anderen Kunstformen. Aufbauend auf diesem Gedanken fordert er die Gleichberechtigung des Zirkus und damit verbunden die Möglichkeit der vom Verkaufsgedanken losgelösten kreativen und experimentellen Arbeit.

Obwohl diese Bestrebungen eine nachvollziehbare Berechtigung finden, besteht dennoch die Gefahr den Zirkus der Einteilung zwischen U- und E-Kultur auszusetzen; insbesondere da der Unterhaltungswert in der Argumentation des neuen Zirkus eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Dabei gerät meiner Meinung nach eine der großen Stärken des Zirkus in Vergessenheit. Besonders in der Tatsache, dass der Zirkus nicht zur Hochkultur zählt, liegt seine große Chance, denn anders als Oper und Theater wird er in all seinen Formen von einer breiten Bevölkerungsschicht besucht. Gerade die Vermischung von ernsthaften, unterhaltenden, traurigen und komischen Momenten, die sich schwer als Ganzes kategorisieren lassen, macht den besonderen Reiz des Zirkus aus.

Im Fokus dieser Ausgabe von Politik & Kultur stehen die Artisten und der Zirkus in Deutschland. Beleuchtet werden die Geschichte, die Ausbildung, Arbeitsbedingungen und -möglichkeiten der Artisten und die Situation der Zirkusunternehmen. Neue Facetten der Zirkuslandschaft in Deutschland werden aufgezeigt, die hoffentlich zu einer deutlicheren kulturpolitischen Wahrnehmung des Zirkus beitragen.

Zuerst erschienen in: Politik & Kultur 03/2013