Was ist ein gutes Video?

Von Urs Jäckle

Antworten gibt es so viele wie Branchen – Eventveranstalter wollen schön geschnittene HD-Trailer, Fernsehleute die komplette Kurzversion, Agenten möchten auf schnellstem Wege Videos ohne Direktkontakt, und so fort. Selbst die meisten Varietés und Zirkusse haben unterschiedliche Bedürfnisse in puncto Video. Alle haben aber gemeinsam, dass das Video keinen Oscar bekommen soll, sondern nur ein Medium ist – man den Zuschauer also so nah wie möglich an den Live-Eindruck heranführt. Die Konsequenz daraus:

SICH SELBST ZUM ZUSCHAUER MACHEN. Und sich klar machen: um welche Show geht es? Viele Bewerbungen scheitern daran, dass das richtige Video an den falschen Adressaten geht. Für Varieté und Zirkus heißt das, lieber Live-Aufnahmen als im Studio, lieber in Echtzeit (geschnitten oder nicht) als eine Zusammenfassung, und keine falschen Versprechungen: Das Showballett weglassen, wenn es nicht zur Nummer gehört. Kostüme anziehen, die einem selbst gehören und die man auch in Zukunft tragen wird. Den Kopfstand raus nehmen, wenn man ihn nur im Training macht. Die Musik benutzen, zu der man auch zukünftig auftritt. Spielereien wie Kopfkamera oder Vogelperspektive sind effektvoll, aber der Zuschauer wird die Show nie aus diesen Blickwinkeln sehen. In Wirklichkeit geht es um die Nummer und die Show, nicht um das Video selbst.

ALLES ZUR VERFÜGUNG STELLEN. Da man in den meisten Shows inzwischen nicht mehr nur seine Nummern spielt, sondern auch zusätzliche Skills von Vorteil sein können, um das Engagement zu bekommen, gibt es im Idealfall drei Varianten:

  1. Trailer von 30-60 Sekunden als Überblick und für den ersten Eindruck,
  2. Nummer in Vollversion (inkl. Auf- und Abgang) und
  3. nicht-öffentliche (ungelistete) Aufnahme mit Zusatz-Skills vom Training plus kurze schriftliche Info dazu.

DON’Ts FÜR EINIGE GENRES. Mit Videos kann man wunderbar tricksen – und macht sich damit besonders unbeliebt. Einige Booker sagen: Keine geschnittenen Videos von Jongleuren. Keine Comedians ohne Zuschauerreaktionen. Keine Zauberer ohne gutes Licht. Keine Luftnummern ohne Auf- und Abgang. Und keine Videos von 2005.

ABSPIELBAR MACHEN. Das beste Video bringt nichts, wenn es nur aus einem GEMA-Hinweis besteht – Problem auf Youtube, besser auf Vimeo, mit oder ohne Passwort, am besten mit Download-Funktion. Zur Not als Datei über WeTransfer oder Dropbox-Link. In dem Fall eher die kleine Dateivariante als den 45-Minuten-Download, kompatibel für PC und MAC – also nicht nur für Flashplayer. Kurzum: alle technischen Stolpersteine, Hürden und Probleme schon im Vorfeld aus dem Weg räumen, damit das Video überhaupt gesehen wird.

UND WENN MAN GERADE MAL KEINE 800 EURO FÜR DEN PROFI ÜBRIG HAT? Dann muss es nicht die Idealversion sein – neutraler Hintergrund, gutes Licht, anständige Tonspur und keine verwackelten Bilder (= Stativ) gehen auch. „Professionell“ ist sowieso relativ: Wichtiger als teures Equipment ist, dass man das Videomaterial erstmal hat und ihm nicht fünf Monate hinterher rennt: „Get it the same day or you will never get it“. Oder, frei nach der Nike-Werbung: Just do it.

Urs Jäckle ist künstlerischer Leiter des Krystallpalsat Varietés in Leipzig.