Varieté Geschichte

Die Geschichte des Varietés in Deutschland beginnt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie ist eng verbunden mit den sozioökonomischen Umbrüchen dieser Epoche, wie der Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft sowie der zunehmenden Urbanisierung im Zuge der Industrialisierung.

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Mit dieser gesellschaftlichen Entwicklung entstanden zum Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland von der Aristokratie unabhängige Formen urbanen Vergnügens, die allen sozialen Schichten zugänglich waren. Nicht nur Bürger, auch junge Adelige, Bewohner der ländlichen Gebiete und Prostituierte waren in den neuen Etablissements anzutreffen. Die städtische Gesellschaft berauschte sich an ihren neuen Möglichkeiten und an vielen Ecken entstanden Amüsierbetriebe, die auf das sprichwörtliche Dreigespann „Wein, Weib und Gesang“ aufbauten und damit das Fundament für das moderne Varieté legten. Grundprinzip ist die Mehrfachbefriedigung des Publikums durch Gastronomie, Livemusik sowie Berührungspunkte mit dem Prostituiertenmilieu. Zentren dieser Entwicklung waren zunächst nicht die Residenzstädte sondern die industriellen Ballungsgebiete und Hafenstädte wie Chemnitz, Leipzig und Hamburg – sowie auf europäischer Ebene Manchester, Lyon und Łodź.Mitte der 1840er Jahre etablierten sich als unterhaltende Elemente neben der Musik und der Erotik zunehmend artistische, tänzerische und humoristische Elemente in den Trink- und Verzehrbetrieben. Zur gleichen Zeit entwickelten sich in Frankreich und England ähnliche Etablissements. In Frankreich setzte sich für diese aus Verzehr, Konzert sowie Tanz- und Artistikeinlagen bestehende Kunstform die Bezeichnung Varieté und ab 1852 in England der Begriff Music-Hall durch. Die englische Music-Hall wurde so erfolgreich, dass ab 1853 auch die deutschen Unterhaltungsrestaurants das Wort Halle vermehrt in ihrem Namen trugen und sich als Kennzeichnung für diese neue Kunstform der Begriff Singspielhalle einbürgerte. Die Ausformung des Varietés als Gattung, wie wir sie heute kennen, datiert der Berliner Theaterwissenschaftler Wolfgang Jansen auf das Jahr 1860. Die von Friedrich Gottlieb Großkopf geleitete Singspielhalle Walhalla in Berlin setzte ab diesem Zeitpunkt programmatisch auf ein Grundgerüst aus Komik, Vorträgen, Gesang und Gymnastik; mit Kostümen und dramatischen Szenen entstand ein Gesamtkonzept aus aufeinanderfolgenden Nummern. Aufgrund des außerordentlichen Erfolges wurde diese Idee oft kopiert. Das heute gebräuchliche Wort Varieté setzte sich kurz darauf, im Jahre 1875, auf Initiative des Betreibers Calli Callenbacher aus Berlin in Deutschland durch.In den Gründungsjahren war das Varieté durch die Nähe zur Prostitution sowie von derben und frivolen Aufführungen geprägt. Es erfreute sich großer Beliebtheit, wurde jedoch von den Mitgliedern der gehobenen städtischen Gesellschaft wenn überhaupt nur heimlich besucht. Das änderte sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts als mit dem Berliner Wintergarten die erste Varietébühne mit internationalem Renommee entstand. Als Unterhaltungsbühne des luxuriösen Central-Hotels an der Berliner Friedrichstraße erbaut, war der Wintergarten bei der wirtschaftlichen und politischen Elite der Stadt außerordentlich beliebt; er galt zu dieser Zeit als „mondän und ultraschick“.Seinen Höhepunkt erlangte das Varieté zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit dem steigenden künstlerischen Anspruch der Varietébetreiber verloren die Varietés jedoch ein Wesensmerkmal: die gesellschaftliche Kommunikation. Mit der zunehmenden Elektrifizierung und dem steigenden künstlerischen Selbstvertrauen begann man den Zuschauerraum in den Varietés abzudunkeln, um mehr Aufmerksamkeit auf das Bühnengeschehen zu lenken. Diese Entwicklung hatte jedoch zur Folge, dass der kommunikative Charakter des Varietés verloren ging und immer mehr Zuschauer das Bedürfnis nach Zusammenkunft und Austausch an anderen Orten befriedigten. Dazu kam die Konkurrenz durch neue Unterhaltungsformen, wie das Kino und das Kabarett, die für einen deutlichen Besucherschwund sorgten. Existentiell bedrohlich für alle Varietés war der Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Aus Angst vor ausländischen Spionen wurden alle Artisten unter Generalverdacht gestellt und die für sie so essentielle Reisefreiheit war von einem auf den anderen Tag eingeschränkt.

Im Laufe des Krieges änderte sich die Situation: Die Varietés übernahmen eine Kompensationsfunktion, indem sie die Fronturlauber und Kriegsmüden unterhielten. In der entbehrungsreichen Zeit kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges und in den Nachkriegsjahren sorgte der Drang nach sorgenfreier, ausgelassener Unterhaltung für ein Boom der Varietés und die 1920er Jahre wurden zu den goldenen Jahren der Varietébranche.„Die quantitative Seite dieser Beliebtheit erfasste beispielsweise die Statistischen Jahrbücher Berlins, die etwa für den 1. Mai 1922 rund 170 Varietés (neben 51 Schauspielhäusern) registrierten, von denen alleine 23 eine Kapazität von mehr als 1000 Plätzen aufwiesen.“ (Jansen, Wolfgang: Das Varieté – Die glanzvolle Geschichte einer unterhaltenden Kunst, Berlin, 1990, S. 9)

Gegen Ende der zwanziger Jahre veränderte sich die Stimmung und antisemitische und fremdenfeindliche Zwischenfälle gegen Artisten und Conférenciers, die Teil einer multikulturellen Gemeinschaft waren, erschwerten den Varietébetrieb. Diese fremdenfeindliche Stimmung verbreitete sich darüber hinaus durch die Weltwirtschaftskrise von 1929 auch in der deutschen Artistengemeinschaft. Zunehmende Repressionen gegen Artisten und Betreiber führten zu einer vermehrten Aufgabe der Spieltriebe und leiteten den Niedergang des Varietés ein. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30.01.1933 wurde das Varieté abermals funktionalisiert und einige Betriebe in die nationalsozialistische Organisation Kraft durch Freude (KDF) überführt. Damit übernahmen sie erneut eine Kompensationsfunktion innerhalb der Kriegsmaschinerie. Mit dem Zweiten Weltkrieg endete die große Zeit des deutschen Varietés.

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Nach einigen gescheiterten Versuchen der Wiederbelebung in der Nachkriegszeit besiegelten die von den Alliierten eingesetzte Vergnügungssteuer und die Verbreitung neuer Medien wie Kino und Fernsehen das vorläufige Ende dieser Kunstform. Ein weiterer Aspekt, der den Verfall der Varietékultur in Westdeutschland erklärt, ist die Rückbesinnung auf einen engen Kulturbegriff der Weimarer Klassik (affirmativer Kulturbegriff) nach 1949 und der Massenkulturkritik der Frankfurter Schule. Die Hauptvertreter der Kritischen Theorie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno erkannten in der privaten Kulturindustrie ein Mittel zur Gleichschaltung der Gesellschaft. Kritische und nonkonforme Kunst können laut der Autoren nicht unter den Bedingungen des Marktes entstehen.„Die Analyse, die Tocqueville vor hundert Jahren gab, hat sich mittlerweile ganz bewahrheitet. Unterm privaten Kulturmonopol lässt in der Tat ‚die Tyrannei den Körper freie und geht geradewegs auf die Seelen los. Der Herrscher sagt dort nicht mehr: du sollst denken wie ich oder sterben. Er sagt: es steht dir frei, nicht zu denken wie ich, dein Leben, deine Güter, alles soll dir bleiben, aber von diesem Tage an bist du ein Fremdling unter uns‘.“ (Adorno, Theodor W.; Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/Main, 2012, S. 141)

In der DDR entwickelte sich nach dem Krieg schnell eine neue Varietélandschaft. Anders als im Westen gab es in der SBZ keine Vergnügungssteuer, was diese Entwicklung begünstigte. Es entstanden bis 1957 Varietébetriebe in Berlin, Magdeburg, Halle, Zwickau und Karl-Marx-Stadt mit bis zu 1.600 Plätzen. Ab den 1950er Jahren gab es zunehmend Volkseigene Betriebe, die im weiteren Verlauf der 1960 gegründeten VEB Konzert und Gastspieldirektion unterstellt wurden. Diese regelte auf zentraler Ebene unter anderem die Künstlervermittlung, die Zulassungen und die Gagenordnung der Varietétheater und Künstler. Im Vergleich zum Traditionellen Zirkus spielte jedoch das Varieté in der DDR eine unbedeutendere Rolle.

In Westdeutschland ermöglichte erst die Öffnung des Kulturbegriffs Anfang der 1970er Jahre und die Formulierung der Neuen Kulturpolitik durch Hermann Glaser und Hilmar Hoffman 1974 die Rückkehr des Varietés. Dem Aufbruch des Freien Theaters folgten artistische Shows in den öffentlichen Raum. Anfang der achtziger Jahre gründete sich das Berliner Tempodrom, zu dieser Zeit noch ein feststehendes Zelt in der Nähe des Potsdamer Platz, als „schräg-schrille“ artistische Produktionsstätte, die den Neubeginn des Varietés in Deutschland antizipierte. Ende der achtziger Jahre erreichte die akademische Diskussion um die Postmoderne die Feuilletons und die Gesellschaft. Die Erfolge von Umberto Ecos Roman Der Name der Rose, Jeff Koons Kitsch-Plastiken und der Welterfolg des Musicals Phantom der Oper sind Teil des Prozesses der Aufnahme der Populärkultur in die postmoderne Hochkultur. Diese ermöglichte die Wiederbelebung der Varietékultur. Ende der achtziger Jahre folgten dieser Entwicklung die Neueröffnungen von Varietétheatern, wie 1988 der Tigerpalast in Frankfurt, 1990 das Chamäleon Theater in Berlin oder 1992 das GOP in Hannover.