Traditioneller Zirkus Geschichte

Die ältesten Zeugnisse über die Existenz von Artistik und Gauklerkünsten sind über 5000 Jahre alt und finden sich in altägyptischen Bildwerken, beispielsweise in Felsgräbern und auf Basaltsteinen. Die Abbildungen und Malereien zeigen unter anderem akrobatische Figuren, jonglierende Frauen und andere gymnastische Künste.

Schon in der Antike gab es Zirkusveranstaltungen, die allerdings nicht viel mit dem Zirkus, wie er heute bekannt ist, gemeinsam hatten. Die großen Arenen und Amphitheater im Römischen Reich dienten der Unterhaltung der Bevölkerung, waren aber hauptsächlich durch ihren Wettkampfcharakter geprägt. Der älteste Zirkus, der „Circus Maximus“ in Rom, war in erster Linie ein „Kampfspielplatz für Reiter und Wagenlenker“, der in den Pausen Platz für akrobatische Darbietungen bot. Mit dem Untergang des Römischen Reiches verschwand der Zirkus in dieser Form. In der gesamten Zeit des Mittelalters existierte der Zirkus nicht, es gab jedoch Gauklertruppen, die zur Unterhaltung der höfischen Gesellschaft auftraten und auf Marktplätzen und in Wirtshäusern zu finden waren. Es wird angenommen, dass viele der ehemaligen Gladiatoren unter den wandernden Gauklertruppen des fahrenden Volkes in Europazu finden waren.Eine bedeutende Rolle für die Gaukler spielten im späten Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit die großen Jahrmärkte. Neben der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung durch den aufblühenden Handel waren sie auch ein Ort der Unterhaltung und Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Es gibt Berichte über Seiltänzer, Jongleure, Feuerschlucker, Luftakrobaten und dressierte Tiere, die auf den Jahrmärkten zu sehen waren. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts verloren die Jahrmärkte an Bedeutung, da die beginnende Industrialisierung die Bedingungen für den Handel veränderten. Die Produktion wurde durch die neuen technischen Möglichkeiten industrialisiert und die traditionellen handwerklichen Produktionsweisen traten in den Hintergrund. Das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben verlagerte sich zunehmend in die Städte, womit gleichzeitig ein starkes Wachstum derselben verbunden war. Zur gleichen Zeit entwickelte sich eine neue Form der Unterhaltung, die bis dahin auf den Jahrmärkten nur vereinzelt auftrat: das Kunstreiten, aus dem sich im späteren Verlauf der Zirkus, wie wir ihn heute verstehen, entwickelte. Im 18. Jahrhundert spielte das Pferd eine wichtige Rolle. Es war nicht nur im Transportwesen und in der Landwirtschaft, sondern auch in hohem Maße für die Armee von Bedeutung. Kenntnis über und ein versierter Umgang mit dem Pferd gehörten beim Adel zum guten Ton und begünstigten das Interesse an Pferdevorführungen. Insbesondere in England waren gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Voraussetzungen für die Kunstreitergesellschaften günstig, da hier die beschriebene Entwicklung am weitesten vorangeschritten war. Der Kunstreiter Philip Astley gilt als Begründer des Zirkus, wie wir ihn heute kennen. Nach seiner Entlassung aus dem Militär gründete er 1768 in London eine Reitschule, für die er zu Werbezwecken Kunstreiter-Vorführungen veranstaltete. Neben den Pferdedarbietungen wurden nach und nach andere Darbietungen von Akrobaten, Seiltänzern und „Spaßmachern“ gezeigt. 1782 ließ Philip Astley das erste feststehende Zirkusgebäude errichten: Astleys Amphitheater. Die für den Zirkus heute noch charakteristische runde Manege lässt sich auf die Bedürfnisse der Pferdedarbietungen zurückführen: Sie ermöglicht einen ruhigen Gang des Pferdes und begünstigt das akrobatische Arbeiten auf dessen Rücken. Aufgrund seines großen Erfolges expandierte Astley kurz darauf, 1783, und errichtete in Paris ebenfalls einen feststehenden Zirkus. Im ausgehenden 18. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der Zirkusgebäude kontinuierlich im europäischen Raum. Künstlerisch orientierte sich der Zirkus weiterhin hauptsächlich am Geschmack des Adels und des Militärs; dabei behielt das Kunstreiten seine tragende Rolle. Die Gesamtinszenierungen einer Aufführung wurden zunehmend wichtiger, wobei die einzelnen Darbietungen in einen thematischen Zusammenhang gestellt wurden. Als Themen dienten mythologische Stoffe, historische Geschehnisse und gegenwärtige Ereignisse, die auch pantomimisch umgesetzt wurden. Diese sogenannte Romanische Schule entwickelte sich maßgeblich in Paris und prägte bis Mitte des 19. Jahrhunderts die europäische Zirkuslandschaft.

Ab den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts nahm der Zirkus in Deutschland zunehmend Einfluss auf die Entwicklung der europäischen Zirkuslandschaft und setzte neue künstlerische Maßstäbe. Ernst Jakob Renz, Gründer des Circus Renz, orientierte sich mit seinen Programmen nicht mehr vordergründig an Adel und Militär, sondern stützte sich vorrangig auf die Bedürfnisse des aufstrebenden Bürgertums. Durch die fortschreitende Industrialisierung und die damit verbundenen ökonomischen Veränderungen entwickelte sich eine bürgerliche Gesellschaft mit wachsender wirtschaftlicher und politischer Bedeutung. Dieses selbstbewusste Bürgertum strebte auch kulturell nach Unabhängigkeit von Hof und Adel.

„[...] die sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit Vehemenz herausbildende bürgerliche Gesellschaft bildetet eigene Verhaltensformen und Strukturen aus, die sich vor allem in kulturellen und intellektuellen Feldern von Hof, Staat und Kirche abkoppelten.“ (Wagner, Bernd: Fürstenhof und Bürgergesellschaft – Zur Entstehung, Entwicklung und Legitimation von Kulturpolitik, Essen, 2009, S. 204 )

Im Zirkus standen jetzt nicht mehr die Pferdevorführungen im Mittelpunkt; es entwickelten sich neue Genres, wie Wildtierdressur oder Luftakrobatik, die eine große Vielfalt für das Publikum boten. Die ehemals zusammenhängenden Vorstellungen lösten sich in so genannte „Nummernprogramme“ auf, die täglich neu zusammengesetzt und variiert werden konnten. Auch technische Neuerungen, wie beispielsweise die Elektrizität, die neue Beleuchtungskonzepte ermöglichte, trugen zum Erfolg der Zirkusprogramme bei.

Ende des 19. Jahrhunderts trat der amerikanische Zirkus immer mehr in den Vordergrund. Dieser war geprägt durch seinen Reisecharakter, denn anders als in Europa gab es in den USA keine feststehenden Zirkusbauten. Um möglichst viele Orte in den dünn besiedelten Gegenden der USA in kurzer Zeit hintereinander zu bespielen, brachte der amerikanische Zirkus entscheidende logistische Neuerungen für den Zirkus. So entwickelte sich das transportable Zirkuszelt, das „Chapiteau“, das leichter zu transportieren, billiger und schneller auf- und abzubauen war als die bis dahin üblichen Bretterverschläge. Zudem spielte das sich entwickelnde Eisenbahnnetz eine entscheidende Rolle, da es das Reisen schneller und einfacher machte.

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Die Vorstellungen des amerikanischen Zirkus konzentrierten sich zunehmend auf das Geschäft mit der Sensation und boten dem Zuschauer verschiedene gewagte artistische, exotische und kuriose Darbietungen, teilweise in mehreren Manegen gleichzeitig. Insbesondere der Großzirkus Barnum und Bailey aus den USA spielte für die weitere Entwicklung der europäischen Zirkuslandschaft eine große Rolle. Mit seiner Europatour um die Jahrhundertwende brachte er den Mehr-Manegen-Zirkus nach Europa und konnte mit seinen Neuerungen große Erfolge verbuchen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstärkte sich diese „Modernisierung“ des Zirkus in Europa zusehends und führte unter anderem zu einer starken Ausprägung der Sensationsartistik und dem Ausbau der technischen Effekte. Der erste Weltkrieg unterbrach diesen Prozess und hatte eine nahezu vollständige Zerschlagung der europäischen Zirkuslandschaft zur Folge, die sich jedoch nach dem Krieg in Westeuropa verhältnismäßig schnell wieder etablierte. Begünstigt wurde dies durch die kriegsmüde, nach sorgenloser Unterhaltung suchende Bevölkerung. In dieser Zeit setzte sich der reisende „Chapiteauzirkus“ (Zeltzirkus) endgültig gegenüber dem stationären Zirkus in festen Bauten durch. Die erfolgreichsten Unternehmen in dieser Zeit waren der Circus Krone, der an den amerikanischen Drei-Manegen-Zirkus anknüpfte und Sarrasani, der durch Größe und Ausstattung überzeugte. Das Nummernprogramm mit einem Zusammenspiel von Raubtierdressuren, Sensationsnummern, Akrobatik und Clownerie setzte sich endgültig durch.

Viele Unternehmen kämpften in dieser Zeit mit großen finanziellen Problemen und der Konkurrenz von Film, Varieté und Revue. Die Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre zwang viele Zirkusse in den Konkurs, da aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit das Publikum fehlte.

„In Deutschland existierten von ehemals 56 Groß- und Mittelzirkussen nur noch sechs namhafte Unternehmen.“ (Kusnezow, Jewgeni: Der Zirkus der Welt, Berlin, 1970, S. 243)

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland im Jahr 1933 brachte für die Traditionelle Zirkuslandschaft große Veränderungen. Der Umgang der deutschen Zirkusse mit den Bedingungen im Dritten Reich kann nicht als einheitliche Entwicklung beschrieben werden. Einige bekannte Zirkusdirektoren traten der NSDAP bei und stellten ihre Auslandsgastspiele in den Dienst der nationalsozialistischen Propaganda. In den zahlreichen mittleren und kleinen Unternehmen gab es zunächst vereinzelte Verfolgungen „nicht arischer“, besonders der jüdischen Artisten. Mit dem Inkrafttreten der Nürnberger Rassengesetze 1935 verschärfte sich die Situation und es gab zunehmend Verbote, die das Auftreten ausländischer Artisten, das Spielen jüdischer Musik und das Tragen bestimmter Kostümierungen untersagten. Diese Repressionen machten sich besonders in der künstlerischen Entwicklung des Zirkus bemerkbar und hatten eine gewisse Einseitigkeit der Programme zur Folge. Mit Beginn des Krieges wurden zahlreiche Artisten einberufen und die wirtschaftliche Lage der Zirkusbetriebe verschlechterte sich aufgrund von Futtermangel und Transportproblemen zunehmend. Obwohl es einige Unternehmen gab, die bis zum Ende des Krieges zur Ablenkung der Bevölkerung den Spielbetrieb aufrecht erhalten konnten, wurden fast alle Zirkusse in den letzten Kriegsmonaten zerstört.

Bis zu diesem Punkt kann die Geschichte des Traditionellen Zirkus zum Großteil als eine internationale Geschichte verstanden werden.Im weiteren Verlauf soll die Situation des Zirkus in Deutschland nach 1945 beleuchtet werden. Die Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) verliefen unterschiedlich, daher wird auf den Zirkus in der DDR in einem gesonderten Kapitel eingegangen und an dieser Stelle die Situation in der BRD beschrieben.

Nach dem Krieg gab es in der BRD fast keine Zirkusunternehmen mehr. Die Gebäude wurden, wenn sie nicht schon vor dem Krieg abgerissen waren, durch den Krieg fast vollständig zerstört. In der Nachkriegszeit gab es sehr schnell zahlreiche Wiederaufnahmen und Neugründungen von Zirkussen. Der Circus Krone feierte schon im Winter 1945 sein Comeback. Noch heute gehört er zu den traditionsreichsten und ältesten Zirkusunternehmen Europas. Viele Betriebe konnten jedoch der Konkurrenz zu Fernsehen, Kino oder Vergnügungspark nicht standhalten. Besonders in den sechziger Jahren mussten viele der Zirkusse den Betrieb einstellen; man spricht in diesem Zusammenhang vom „großen Zirkussterben“. Das öffentliche Interesse am Zirkus ließ nach und sein Ansehen als Kunstform ging verloren.

Die Gründung des Circus Roncalli 1976 brachte neue Impulse in die Zirkuslandschaft in Westdeutschland. Er setzt noch heute auf die Erinnerung an den poetischen, romantischen Zirkus und gestaltet den Besuch für die Zuschauer als nostalgisches Gesamtkunstwerk. An der Schnittstelle von Traditionellem Zirkus, Varieté, Theater und auch Tanz entstanden im weiteren Verlauf neue Formen des Zirkus, wie der Cirque du Soleil, die nur schwer mit einem Traditionellen Zeltzirkus gleichzusetzen sind.

Traditioneller Zirkus in der DDR

In der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) gab es direkt nach dem Krieg zahlreiche Wiederaufnahmen und Neugründungen von Traditionellen Zirkusbetrieben, deren Zahl sich auch hier schnell wieder reduzierte. Mit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) im Oktober 1949 und dem Einsetzen der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten 1951 wurden die drei größten Zirkusse der DDR (Zirkus Busch, Zirkus Barlay bzw. Berolina und Zirkus Aeros) verstaatlicht und in das Volkseigentum überführt. Das Kulturministerium, welches ab 1954 die Kommission ersetzte, beschloss am 22.12.1960 die Errichtung des VEB Zentral-Zirkus, die den Zusammenschluss der volkseigenen Unternehmen vorsah. Dieser wurde später in Staatszirkus der DDR umbenannt. Durch diese Maßnahme wurden die Zirkusbetriebe in die Zentralwirtschaft der DDR eingegliedert und einer Generaldirektion unterstellt. Unter anderem wurden für den Zentral-Zirkus folgende Aufgaben festgelegt:

„[...] den Inhalt der Programme und Tourneepläne der einzelnen Betriebe in Übereinstimmung mit den politischen und ökonomischen Schwerpunktaufgaben und den Volkswirtschaftsplänen zu bringen;
[...]
Der Betrieb übt im Auftrag des Ministeriums für Kultur die Funktion der kulturpolitischen Anleitung der Koordinierung der Programmgestaltung und Tourneeplanung einschließlich der Auslandstätigkeit der ihm nicht unterstellten volkseigenen und privaten Zirkusse aus; [...]“ (Winkler, Dietmar: Zirkus in der DDR – Im Spagat zwischen Nische und Weltgeltung, Berlin, 2009, S.  200)

Diese Aufgabenbeschreibung zeigt, dass der Zirkus, wie alle anderen Künste in der DDR, einer staatlichen Kontrolle unterstand und der sozialistischen Programmatik mit ästhetischen und thematischen Vorgaben folgen musste. Der Traditionelle Zirkus in der DDR konnte im Vergleich zur Bildenden Kunst oder Literatur weiterhin relativ unabhängig und selbstständig von politischen Vorgaben agieren, was auf den im wesentlichen unpolitischen Charakter der Zirkuskunst der DDR zurückzuführen ist.

Die Verstaatlichung war für die Artisten und Zirkusse eine erhebliche Verbesserung ihrer sozialen und wirtschaftlichen Lage. So erhielten Artisten im Betrieb eine feste Anstellung und eine gesicherte Altersrente. Die Größe des Staatszirkus machte betriebseigene Schulen, Kindergärten, Ambulanzen und Küchen möglich. Die Anerkennung als eine gleichberechtigte Kunstform neben etablierten Ausdrucksformen wie Theater, Literatur und Musik, mit staatlicher Förderung, verhalf dem Traditionellen Zirkus in der DDR zu einer Blütezeit und gesellschaftlicher Anerkennung.

Im Gegensatz zum Staatszirkus war die Situation für die privaten Zirkusse deutlich schwieriger. Der Erlass von Zulassungs- und Lizenzordnungen für private Zirkusse durch die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten ab 1952 und das Kulturministerium ab 1954 erschwerte ihre Arbeit zusehends. Die verbleibenden, nicht staatlichen Zirkusunternehmen erhielten nur dann eine Lizenz, wenn sie sowohl einen künstlerischen als auch materiellen Mindeststandard erfüllten. Diese Kontrolle ermöglichte zum einen die Sicherstellung der Qualität der kleinen Unternehmen, und zum anderen bot sie die Möglichkeit der kontrollierten Reduzierung der privaten Betriebe. In den achtziger Jahren reisten auf dem Gebiet der DDR nur einige wenige private Zirkusse neben dem Staatszirkus.

Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten verringerten sich die Besucherzahlen des Staatszirkus der DDR schlagartig und ohne staatliche Förderung verschlechterte sich seine wirtschaftliche Lage. Als Volkseigentum fiel der Staatszirkus unter die Verwaltung der Treuhandgesellschaft, die die angestellten Artisten kündigte und nach und nach Technik, Material und Tiere zu Tiefpreisen verkaufte. Für viele der Artisten und vor allem Dresseure war dies eine tragische Entwicklung, da die Tiere für sie nicht nur ihren Lebensunterhalt bedeuteten, sondern auch einen Teil ihrer Familie darstellten. Obwohl es den Staatszirkus faktisch nur noch bis 1990 gab, erstreckte sich seine Abwicklung durch die Treuhandgesellschaft bis in das Jahr 2000.