Zirkus: Ein Überbegriff

Zirkus ist ein vielschichtiger, nicht einheitlich verwendeter Begriff.
Wir beziehen in unserer Definition des Zirkus sowohl den Traditionellen Zirkus, das Varieté, das Dinner-Theater, den Neuen Zirkus, den Straßenzirkus und die Zirkuspädagogik ein. Die Zirkuslandschaft schließt für uns also alle genannten Erscheinungsformen ein.

Warum?

Streng genommen ist Zirkus als Sammelbegriff nicht ganz präzise. Die unterschiedlichen Sparten entstanden nicht alle aus dem ursprünglichen Wortgeber, dem Traditionellen Zirkus, sondern sind zum Teil parallel verlaufende Entwicklungen. So grenzt sich beispielsweise das Varieté in seiner historischen Entwicklung klar vom Traditionellen Zirkus ab und ist keine Weiterentwicklung desselben. Mehr dazu könnt ihr bei der Zirkusgeschichte nachlesen.

Trotz der klaren Unterscheidungen gibt es Elemente die alle Bereiche verbinden. Sie alle greifen auf das Medium der Artistik zurück, das essentieller Bestandteil aller Produktionen ist. Die artistische Tradition fasziniert das Publikum sowohl im Varieté, im Traditionellen Zirkus als auch im Neuen Zirkus mit der scheinbaren Überwindung physikalischer Gesetze, unglaublicher Geschicklichkeit sowie der enormen Kraft, Perfektion und Präzision. In diesem Zusammenhang ist die Frage berechtigt, ob die Bezeichnung Artistik als Begriffseinheit nicht besser geeignet wäre als Zirkus?
Die Eingrenzung des Wortes Artistik bzw. Artist auf die oben beschriebene Bedeutung ist jedoch nur im deutschen Sprachgebrauch üblich. Friedrich Kluge schreibt dazu in seinem etymologischen Wörterbuch:

„Artist: Künstler (der Geschicklichkeitsübungen vorführt) [...] Die Einschränkung auf diese [Bedeutung] ist nur deutsch; in der weiteren Bedeutung ist das Wort ein Internationalismus.“

In anderen Sprachen existiert also diese Differenzierung zwischen Zirkus und Artistik nicht und das Wort Artist beschränkt sich auf die Bedeutung des Künstlers im Allgemeinen. Sowohl in der englischen als auch in der französischen Sprachpraxis ist beispielsweise die Bezeichnung Zirkusschule (Circus School bzw. École des arts du cirque) und nicht Artistenschule üblich. Aus diesem Grund ist, im Hinblick auf eine Annäherung an den internationalen Sprachgebrauch, der Begriff Zirkus für uns sinnvoll. Zirkus ist in diesem Zusammenhang also als ein künstlerisches Medium zu verstehen, das sowohl im Traditionellen Zirkus, im Varieté, im Dinner-Theater, im Neuen Zirkus, im Straßenzirkus und in der Zirkuspädagogik eingesetzt wird.

Dieses künstlerische Medium besteht jedoch nicht nur aus der artistischen Tradition. In all seinen Formen spielt im Zirkus das Bedürfnis des Publikums nach emotionaler Anteilnahme eine wichtige Rolle. Er ist ein Ort, der sich im Spannungsfeld „zwischen Sehnsucht und Angst, Neugier und Bedrohung, Schönheit und Deformation, Empathie und Voyeurismus“ (Matt, Gerals A.: Der Zirkus als wundersamer Ort der Welterkenntnis, Wien, 2012, S. 13.) bewegt und als Metapher für das „Ausbrechenwollen“ aus gewohnten, einengenden Kontexten steht.