Erste Diskussionsrunde

Am 14. Oktober diskutierten wir über die Produktionsbedingungen des Zirkus in Deutschland. Rund 80 Zirkusschaffende aus allen Bereichen waren dabei. Hier gibt es ein paar Eindrücke der Veranstaltung und das Protokoll zum Nachlesen.

Protokoll der Diskussion über die Produktionsbedingungen des Zirkus in Deutschland

Die Auftaktveranstaltung der Diskussionsreihe Zirkus in Deutschland des Netzwerk Zirkus fand am 14. Oktober 2013 im Chamäleon Theater in Berlin statt. 80 Zirkusschaffende aus allen Bereichen setzten sich gemeinsam mit den Produktionsbedingungen des Zirkus in Deutschland auseinander. Zunächst diskutierten auf dem Podium Anke Politz, Geschäftsführerin der Chamäleon Productions GmbH, Jenny Patschovsky, Gründerin der Initiative Neuer Zirkus, Maximilian Rambaek, Regisseur und Wolfgang Hoffmann, Gründer der Fabrik Potsdam und Geschäftsführer von Aurora Nova. Später wurde die Diskussion auch für das Publikum geöffnet.

Sichtbar wurden verschiedenen Dimensionen von Produktionsbedingungen, die wir in drei große Kategorien einteilen konnten:

1) Infrastruktur in der Produktionsphase

  • Probenräume
  • Probenbühne/Experimentierbühne
  • Unterkunft und Verpflegung der Künstler
  • Zeit

2) Infrastruktur in der Aufführungsphase

  • Aufführungsorte/Spielstätten
  • Öffentlichkeitsarbeit/ Vermarktung

3) Personen/Fähigkeiten Regisseure

  • Choreographen
  • Bühnenbildner
  • Künstler
  • Dramaturgen
  • Ausbildung und Vernetzung dieser Akteure

Deutlich wurde, dass die Produktionszeit in Deutschland außergewöhnlich kurz ist und damit ein künstlerischer Prozess in der Produktionsphase nicht in Gang kommen kann. Die Diskutanten halten eine Probenzeit von 6-8 Wochen für sinnvoll, in der deutschen Produktionspraxis sind es jedoch nach den Erfahrungen der Diskutanten zwischen 3 und 10 Tagen. Interessant dabei ist, dass nicht nur die fehlende Finanzierung der Probenzeiten ein Problem darstellt, sondern auch kaum für Zirkusproduktionen gut ausgestatteten Probenräumen zur Verfügung stehen.

Als weiteres Kernproblem kristallisierten sich die fehlenden Aufführungsorte im Bereich des Neuern Zirkus heraus. Es werden in diesem Bereich Shows Produziert, die aber nicht gespielt werden können. Zum einen fehlt die Förderung um langfristig Ensembles zusammenzuhalten und Produktionen ohne Erfolgsdruck spielen zu können.

Zum anderen richten sich viele Produktionen des Neuen Zirkus nicht an ein spezifisches Publikum. Die gängigen Spielstätten haben jedoch ein klar definiertes Publikum an denen sich ihre Produktionen orientieren müssen, um ihr dauerhaftes Überleben zu sichern. Neue Spielstätten zu erschließen scheitert jedoch vor allem daran, dass Zirkus abseits der bekannten Muster wie Varieté, klassischer Zirkus oder Dinnershow schwer zu kommunizieren ist. Konkret bedeutet das für Produktionen, die nicht in die bestehenden Labels einzuordnen sind, dass es nicht genug Publikum gibt um neue Spielorte zu füllen. Diese Tatsache lässt sich insbesondere darauf zurückführen, dass Neuer Zirkus in der Öffentlichkeit praktisch unbekannt ist und das Bild von Zirkus in Deutschland durch die klassischen Formate geprägt ist.

Eine Herausforderung, der sich der Zirkus in Deutschland in der Zukunft stellen muss ist also die Frage, wie seine Wahrnehmung auch außerhalb des Varietés, des klassischen Zirkus usw. in der Öffentlichkeit gestärkt werden kann. Als eine Möglichkeit wurden Zirkusfestivals genannt, die ganze Produktionen zeigen. Im Unterschied zu den bestehenden Festivals, die vor allem einzelne Darbietungen präsentieren und auszeichnen, können Festivals, auf denen ganze Shows zu sehen sind mehr Öffentlichkeit schaffen. Es könnte eine Plattform entstehen, die dem Publikum verschiedene Facetten des Zirkus gebündelt an einem Ort zeigt und die Möglichkeit bietet auch in der Öffentlichkeit über Zirkus zu berichten. Im Bereich der Ausbildung wurden weitere Dimensionen eines Defizits deutlich. Die veränderten Anforderungen an Artisten stellen auch neue Herausforderungen an die Artistenschulen. Junge Artisten müssen neben ihren spezifischen Fähigkeiten in einem artistischen Genre auch eine Grundausbildung in Fächern wie Tanz und Schauspiel mitbringen, um konzeptionelles Arbeiten in Ensembles zu ermöglichen. Für diesen Ausbildungsbereich fehlen jedoch Lehrer, die ihren Fachbereich auf die Bedürfnisse der Artisten abgestimmt unterrichten können. In diesem Zusammenhang zeigt sich auch, dass in den Bereich Choreografie, Regie und Dramaturgie Personen mit zirkusspezifischen Fähigkeiten fehlen.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass es ein großes strukturelles Defizit der Produktionsbedingungen für Zirkus in Deutschland gibt. Besonders deutlich zu spüren ist dieses Defizit für die Produktionen des Neuen Zirkus, die praktisch ohne Strukturen produzieren müssen. Aber auch in den etablierten Formaten gibt es einen Mangel, der unter anderem durch die knappen Produktionszeiten sichtbar wird.

Natürlich ist eine Grundbedingung für die Verbesserung der Bedingungen eine entsprechende Finanzierung. Der Zirkus in Deutschland muss sich jedoch auch untereinander spartenübergreifend vernetzen, um die starke Kategorisierung in seine einzelnen Bereiche zu durchbrechen. Der materielle und inhaltliche Austausch zwischen einzelnen Spielorten bietet die Chance, auch innerhalb der Zirkusszene die vorhandenen Gräben zu überwinden und gemeinsam die Bedingungen zu verbessern.

Die Diskussion hat gezeigt, dass genau dieser Austausch möglich ist und ein Zusammenschluss aller Sparten sinnvoll und nötig ist.