Förderung für Zirkusartisten – ein Erfahrungsbericht von Natalie Reckert

Liebe Kreativtiere der Zirkuskunst,

ich wurde beauftragt für euch einen Erfahrungsbericht zu schreiben.
Bei der Dressur von Fördergeldvergebenden könnt ihr beruhigt annehmen: Sie beißen nicht und sie mögen Nussecken. Und wenn ihr erst einmal ein Verein seid, dann springen sie auch durch einen Hula Hoop Reifen, wenn ihr sie nett fragt.

Der Anfang
Ich wollte also ein längeres Stück machen und dieses Stück in einem Theater aufführen. Ich bemerkte eines Tages, dass sich in den vergangenen Jahren sehr viel Material gesammelt hat. Tanzsequenzen, Geschichten, Wortfetzen, Musik, Handstandchoreographien. Ich hatte viel Freude daran, mich mit diesem Material zu beschäftigen und mich zu fragen, ob es wohl einen Zusammenhang gibt. Ich wollte mir wirklich Zeit dafür nehmen. Um sicherzustellen, dass ich es ernst mit mir meine habe ich einen Spieltermin mit dem Dock 4 Theater in Kassel, meiner Heimatstadt ausgemacht. Eine kleine Bühne, 90 Sitzplätze, drei Spieltermine. Erst danach habe ich versucht Fördergelder zu beantragen.

Die Förderoptionen in Hessen waren für mich ungefähr die gleichen, wie die der freien Theater- und Tanzszene: Stadt und Land (Kulturamt Stadt Kassel/ Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst), private Stiftungen (Fieseler Stiftung, Wellbeing Stiftung), Unternehmen mit regionalem Kulturengagement (Sparda Bank, Kasseler Sparkasse) und überregionale Förderungen (NPN, Fonds für darstellende Künste).

Der Antrag
Eines vorweg: Ich habe im Verlauf der Antragsstellung Einwände erwartet, weil das Stück ja durchaus in die nicht-förderungswürdige Sparte Zirkus fallen könnte. Es kamen aber keine Einwände. Mein Eindruck ist, dass in der freien Theaterszene die abgefahrensten und skurrilsten Projektanträge gestellt werden. („Aufwertung des verlassenen Fabrikgeländes XY durch kollektives Nacktschneckenbemalen“ (das habe ich mir jetzt ausgedacht, aber dieses Projekt würde niemanden beim Fonds für darstellende Künste überraschen….)) Mein Antrag war wahrscheinlich einer der am wenigsten spektakulären: Ein Stück über Zerbrechlichkeit und Stärke, inszeniert durch Tanz, Sprache und Akrobatik.

Abgesehen von individuellen Antragsverfahren benötigen die meisten dieser Antragsstellen eine kurze, aussagekräftige Projektbeschreibung (zwei Seiten), eventuell eine ausführlichere Beschreibung und auf jeden Fall ein Budget. In der kurzen Projektbeschreibung habe ich erklärt um welche Themen es in meiner Performance geht (Wachstum/Verfall, Zerbrechlichkeit/Stärke), warum das ein aktuelles/relevantes Thema ist (weil unsere Gesellschaft Schwäche ausblendet….), welche künstlerischen Mittel ich benutze, um dieses Thema umzusetzen (Tanz, Akrobatik, Sprache) und wieso ich denke, dass dieses Projekt ein Beitrag zur Gemeinschaft ist (weil Künstler schwierige Themen auf einer symbolischen Ebene reflektieren).

Die Antragsrhetorik und der wirkliche Inhalt des Stücks sind nicht unbedingt deckungsgleich. Was ich wirklich inszenieren möchte kann ich nicht in Worte fassen, denn dann wäre ich Schriftstellerin und nicht Performerin, aber ich versuche es verständlich zu machen.
Dabei finde ich es hilfreich, mir vorzustellen, dass ich einen schlechtgelaunten Kunstskeptiker überzeugen muss.
„Mein Stück wird innovativ sein, da ich Akrobatik auf ganz neue Weise mit Tanz und Sprache verbinde.“ Das trifft zu, aber es ist kein sehr überzeugendes Argument.
“Ein Künstler trägt die Verantwortung einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, in dem er oder sie innerhalb seines Metiers eine Stellungnahme zu relevanten Themen erarbeitet. Ich möchte diese Verantwortung gewissenhaft tragen und eine bewegende Performance durch künstlerische Perfektion und ein durchdachtes Konzept inszenieren.“ Das trifft zu und es liest sich überzeugender.

Budget
In meinem Budget waren Eigenmittel, geldwerte Sachleistungen und die beantragte Förderung enthalten. Im Budgetplan waren alle Kosten einer Produktion einkalkuliert, aber ich habe nie fest mit diesem Geld gerechnet. Ich hatte einen regulären Plan: Produktion und Aufführung ohne Fördergeld. Und einen Plan B: Produktion mit einem Bruchteil der beantragten Gelder.

Die Eigenmittel stellen ein Drittel des Geldes und bestanden aus meinen eigenen Beiträgen: Künstlerische Konzeption und Ausarbeitung, Marketing und Pressearbeit. Die geldwerten Sachleistungen bestanden aus einem kostenlosen Probenraum im Kinder- und Jugendzirkus Rambazotti e.V. in Kassel und ein ermäßigter Gastspieltarif im Dock 4 Theater für regionale Künstler.

Antragsstellung
Da es das erste Mal war, dass ich einen Antrag auf Fördergelder geschrieben habe, war der Aufwand relativ hoch. Das lag vor allem daran, dass ich nicht verstanden habe, wie die Förderlandschaft aussieht und wie die Antragsbedingungen sind. Aufgrund der Tatsache, dass ich Einzelkünstlerin bin und kein gemeinnütziger Verein konnten weder private Stiftungen noch Unternehmen mit Kulturfördertöpfen meinen Antrag berücksichtigen.

Dann gibt es noch das Problem, dass man nur eine Förderung vom Bund beantragen kann, zum Beispiel Fonds für darstellende Künste oder NPN. Förderung kann nicht von beiden gleichzeitig beantragt werden.

Somit war die Stadt Kassel die einzige übriggebliebene Förderquelle. Der Kontakt zum Kulturamt war sehr freundlich und zuvorkommend. Die Mitarbeiter haben mir mehrfach Feedback zur Verbesserung meines Antrags gegeben und ich hatte Gelegenheit persönlich mit ihnen zu sprechen. Ergebnis: Beantragte Förderung: 3200 € | Bewilligte Förderung: 1200€

Dazu ein kostenloser Probenraum, Feedback von geduldigen Freunden, eine Spielstätte zu günstigen Konditionen und kostenlose Unterkunft bei Mama.

Während des Projekts….

ganz gut… gab es wahnsinnig viel Arbeit: Flyerdesign, Programm, Pressearbeit, Kostproben, Techniker, Kamerateam, wer macht Fotos?, wer verkauft Tickets?, Plakate kleben, Tante Herta einladen…..

Und dann natürlich die Frage: Werde ich überhaupt Publikum haben?

Fazit
Ich bin froh, dass ich es versucht habe.
Immerhin, 1200 €, davon habe ich die phantastische Caroline Intrup als Co-Regie beauftragen können, die mein Stück im wahrsten Sinne des Wortes gerockt hat.
Die Firma FastMotion kam mit einer Videokamera angerollt, die fast so groß war wie ich und hat mir erstklassiges Videomaterial geliefert.

Und zu guter Letzt: es ist ein Stück gesellschaftliche Anerkennung. Die Stadt Kassel findet es förderungswürdig, dass ich mir nerdige Handstandchoreographien ausdenke. Das ist großartig! Das motiviert mich, mehr zu machen!

 

Natalie Reckert ist Handstandartistin. Sie hat 2007 am „National Centre for Circus Arts“ in London abgeschlossen und 2009 ein Studienjahr bei „Visions in Motion“, der Schule für zeitgenössischen Tanz in Kassel, belegt. Sie lebt und arbeitet in Kassel und Berlin. ~image~ ist ihre erste eigene Produktion. Mehr Infos unter www.nataliereckert.com