Damit auch die Politik von uns erfährt haben wir in der aktuellen Ausgabe der Zeitung “Politik und Kultur” einen Artikel über das Netzwerk und die erste Diskussionsveranstaltung geschrieben.

Wenn sich Zirkuskünstler aus allen Bereichen zusammenfinden, um über den Zirkus in Deutschland zu sprechen…

Bei der Auftaktveranstaltung der Diskussionsreihe “Zirkus in Deutschland” am 14. Oktober 2013 trafen sich über 80 Zirkusschaffende aus allen Bereichen im Chamäleon Theater in Berlin. Zum ersten Mal versammelten sich Artisten, Produzenten, Regisseure und Trainer aus dem klassischen Zirkus, dem Varieté, von Straßenproduktionen und aus dem Neuen Zirkus an einem Ort und setzten sich gemeinsam mit den Produktionsbedingungen des Zirkus in Deutschland auseinander. Auf dem Podium diskutierten Anke Politz, Geschäftsführerin der Chamäleon Productions GmbH, Jenny Patschovsky, Gründerin der Initiative Neuer Zirkus, Maximilian Rambaek, Regisseur und Wolfgang Hoffmann, Gründer der Fabrik Potsdam und Geschäftsführer von Aurora Nova. Initiiert wurde die Diskussion von dem Netzwerk Zirkus. Die junge Initiative versteht den Zirkus als ein künstlerisches Medium, dem sich sowohl der klassische Zirkus, das Varieté und der Neue Zirkus bedienen und setzt sich für einen spartenübergreifenden Dialog über Zirkus in Deutschland ein. Der deutsche Arbeitsmarkt für Artisten, der aus vielen Stilarten und Spielorten besteht, ist weltweit einer der größten. Eine Studie des Europäischen Parlamentes bestätigte 2003: Nirgendwo sonst in der EU gibt es eine größere Vielfalt an klassischen Zirkusunternehmen. Was diese Studie nicht zeigt ist, dass sich international die Zirkuslandschaft stark verändert. Auch im Zirkus findet eine Entwicklung statt, um dem veränderten ästhetischen Empfinden des Publikums gerecht zu werden. In Deutschland ist diese Entwicklung bisher kaum angekommen. Obwohl Artisten international arbeitende Kunstschaffende sind, die nicht an nationale Märkte gebunden sind, prägt die nationale Gesetzgebung und Förderstruktur ihre Arbeit. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern ist Zirkus in Deutschland rechtlich und förderpolitisch nahezu unbeachtet, was den Arbeitsmarkt prägt und sich auf die künstlerische Qualität auswirkt. In der ersten Diskussionsrunde des Netzwerk Zirkus sollte es daher um die Produktionsbedingungen des Zirkus in Deutschland gehen. Missstände sollten aufgedeckt, Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufgezeigt und eine Basis zur Zusammenarbeit gefunden werden. Im Verlauf der Diskussion zeigten sich die zahlreichen Probleme, mit denen die Akteure in ihrem Arbeitsalltag zu kämpfen haben. Deutlich wurde, dass die Produktionszeiten in Deutschland außergewöhnlich kurz sind und damit ein künstlerischer Prozess in der Produktionsphase nicht in Gang kommen kann. Die Diskutanten halten eine Probezeit von sechs bis acht Wochen für sinnvoll, in der deutschen Produktionspraxis sind es jedoch nach den Erfahrungen zwischen drei und zehn Tagen. Als weiteres Kernproblem kristallisierten sich die fehlenden Aufführungsorte im Neuen Zirkus heraus. Es werden in diesem Bereich Shows produziert, die aber nicht gespielt werden können. Neue Spielstätten zu erschließen scheitert vor allem daran, dass Zirkus abseits der bekannten Muster wie Varieté, klassischer Zirkus oder Dinnershow schwer zu kommunizieren ist. Und wer bestellt schon Käsekuchen, wenn er nicht weiß, was das ist. Neuer Zirkus ist in der Öffentlichkeit praktisch unbekannt und das Bild von Zirkus in Deutschland vor allem durch die klassischen Formate geprägt. Konkret bedeutet das für Produktionen, die nicht in diese bestehenden Labels passen, dass es nicht genug Publikum gibt, um die Spielorte zu füllen. Eine Herausforderung, der sich der Zirkus in Deutschland in der Zukunft stellen muss, ist also die Frage, wie seine Wahrnehmung auch außerhalb des Varietés und des klassischen Zirkus in der Öffentlichkeit gestärkt werden kann. Lösungsansätze lassen sich in der jüngeren Geschichte anderer Künste finden. Audience Development und Kunstvermittlung sind keine zirkusspezifischen Themen – sie müssen aber sinnvoll auf den Zirkus übertragen werden. Auch über die Ausbildung von Artisten wurde diskutiert. Die veränderten Anforderungen an Artisten stellen auch neue Herausforderungen an die Artistenschulen. Junge Artisten müssen neben ihren spezifischen Fähigkeiten in einem artistischen Genre auch eine Grundausbildung in Fächern wie Tanz und Schauspiel mitbringen, um konzeptionelles Arbeiten im Ensemble zu ermöglichen. Für diesen Ausbildungsbereich fehlen jedoch Lehrer, die ihr Fach auf die Bedürfnisse der Artisten abgestimmt unterrichten können. In diesem Zusammenhang zeigt sich auch, dass in den Bereichen Choreografie, Dramaturgie und Regie Personen mit zirkusspezifischen Fähigkeiten fehlen. Abschließend kann man festhalten, dass es ein großes strukturelles Defizit der Produktionsbedingungen für Zirkus in Deutschland gibt. Eine Grundbedingung für die Verbesserung der Situation ist natürlich eine entsprechende Finanzierung. Der Zirkus in Deutschland muss sich jedoch auch untereinander spartenübergreifend vernetzen, um die starke Kategorisierung in seinen einzelnen Sparten zu durchbrechen. Der materielle und inhaltliche Austausch zwischen einzelnen Spielorten bietet die Chance, auch innerhalb der Zirkusszene die vorhandenen Gräben zu überwinden und gemeinsam die Bedingungen zu verbessern. Die Diskussion hat gezeigt, dass genau dieser Austausch möglich ist und ein Zusammenschluss aller Sparten sinnvoll und nötig ist.

Zuerst erschienen in: Politik & Kutur 01/2014